Gesundes Finanzielles Halbwissen

Gesundes Finanzielles Halbwissen

Denken Sie nach, sonst tun es andere für Sie!

Jeden Tag findet man Müll und/oder Lügen an den Finanzmärkten. Meine persönliche Auswahl anbei:

Heute im Angebot: Weltuntergang durch Enteignung

FundstückeGeschrieben von GesundeSkepsis Fr, Oktober 20, 2017 08:31:19
OK, ich bin Volkswirt und gelernter fixed income Spezialist - aber ist es wirklich soooo schwierig, Schulden, Zinsen und Grundrechenarten korrekt zu kombinieren??? Egal, ein weiterer Superstratege erklärt uns fehlerfrei die Welt und zwar hier:

http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/stelter-strategisch-enteignung-weil-es-mit-der-inflation-nicht-klappt/20466176.html


1) "Allen Bemühungen zum Trotz verharrt die Inflationsrate auf tiefem Niveau. Nur in den Vermögensmärkten herrscht Inflation."
Ex Definition der Berechnung der Inflation gehen da keine Vermögenswerte rein, sondern nur Konsumgüter (kurz/langfristige). Vermögensmärkte haben wenn überhaupt Preissteigerungen. Und die Inflation ist aktuell bei 1,8% in Deutschland und damit eigentlich "normal" - zumindest im historischen Vergleich

http://www.tagesgeldvergleich.com/inflation-inflationsrate



Wenn wir Schulden "weginflationieren" wollen, brauchen wir aber eine nominal größere Inflationsrate als die von der EZB ausgegebene Marke "nahe an, aber unter 2%"....oder noch negativere Nominalzinsen, damit der Realzins (=Nominalzins minus Inflation, ganz schwierige Formel) stärker negativ ist und die Schulden "auffrisst". Letzteres beobachtet man seit geraumer Zeit bei den 2-jährigen Bundesschätzen: "Kupon" von 0%, Verkauf zu Preisen >100, Tilgung zu 100 -> Rein ökonomisch ein Schuldenschnitt.

2) Zum Thema "Schulden weginflationieren" und negative Realzinsen verweise ich einfach an meinen früheren Post - nicht ohne daran zu erinnern, dass negative Realzinsen auch laut Bundesbank keine Ausnahme sind, sondern durchaus häufig vorkommen.

http://halbwissen.freier-parkplatz.de/#post5

3) Um das Thema Schulden abzuschließen - der Autor übersieht leider in seiner Aufzählung der 4 Optionen von William White, dass eine mathematisch logische Lösung fehlt. Nämlich, dass nicht die Schulden absolut relevant sind, sondern der Schuldendienst.
Am Beispiel spanische Immobilienkredite, die variabel verzinst sind: Eine nicht unrealistische Verzinsung für Altbestände liegt derzeit bei ca.
0,75% p.a. (aktueller Euriborzinssatz von -0,35% + 1,1% Marge).
Immobilienkredit 1.000.000 € * 0,75% = 7.500 € pro Jahr oder schlappe 625 € pro Monat.
Kurzer Realitätscheck: Für 1 Mio. € bekommt man in München schon eine brauchbare Hütte zum Wohnen....aber nicht für 625 € Miete. Ich rechne jetzt nicht vor, wie marginal die Zinslast steigt, wenn der Kredit um 10% erhöht wird...

Aber man kann natürlich auch den Zinssatz von 0,75% noch weiter fallen lassen...so lange, bis der Kreditnehmer Geld rausbekommt...So geschehen schon vor einiger Zeit in Dänemark:

http://www.focus.de/finanzen/banken/bank-zahlt-zinsen-fuer-kredit-verkehrte-bankenwelt-kundin-macht-schulden-und-bekommt-dafuer-zinsen_id_4605350.html

Ergo: Die Verschuldung absolut ist kein sonderlich aussagekräftiges Kriterium - höchstens zu Gunsten des Schuldners. Getreu dem Motto: "Mit 50.000 Kredit gehörst Du der Bank, mit 50 Mio. Kredit gehört Dir die Bank". Deshalb hatte Griechenland im Gegensatz zum durchschnittlichen Häuslebauer auch eine Verhandlungsmacht - weil sie absolut hohe Schulden hatten. Wen interessieren sie Staatsschulden von Andorra oder San Marino?

4) Und das Schmanckerl zu Schluß: Im Artikel steht

"Das wäre die fairste Vorgehensweise, tragen doch auch die Gläubiger eine Mitschuld, wenn sie unsoliden Staaten, Banken oder Unternehmen Kredit gewähren."


Muhahahaha. Erst einmal ist das die Verhandlungsposition der Griechen und zweitens müsste man dann bitte konsequent sein und den ganzen Quatsch mit Einlagensicherung, geschützte Spareinlagen, Sicherungsverein für Lebensversicherungen und Pensionskassen etc. sofort ersatzlos streichen. Der Sparer (d.h. der Gläubiger! Derjenige, der Geld auf Zeit ausleiht, um später nominal mehr zu haben) muss schließlich wissen, wem er sein Geld gibt und ob er den Kreditnehmer ggf. in die Überschulduing treibt. UND der Kreditgeber/Sparer/Gläubiger muss berücksichtigen, wie viel Kredit das arme Kreditopfer wohl noch in Zukunft aufnimmt, damit er/sie sich ja nicht überschuldet!
Ich unterstütze diese Sichtweise voll, weil dann endlich diese Drückerkolonnen der Bausparkassen verschwinden sowie die Ratingagenturen, weil ja jeder Sparer seine eigene Bonitätsanalyse betreibt / betreiben soll / betreiben muss.

Fazit: Wieder mal ein insgesamt sehr schwacher Artikel ohne Tiefgang. Für einen Schreiberling, der Unterhehmen berät, angeblich strategisch und "beyond the obvious" denkt, ist mir das persönlich zu wenig Substanz und erinnert mich stark an diese Sichtweise im Bild unten...also mehr ein "scratching the surface" statt "beyond the obvious"....